Was war die Frage?
Im Jahre 1759 schrieb die Akademie der Wissenschaft in St. Petersburg einen Preis aus: Wem gelingt es, über ein Experiment die Existenz der pflanzlichen Sexualität entweder eindeutig zu beweisen oder zu widerlegen? Den Preis errang ein junger Doktor der Naturwissenschaften, der wenige Jahre zuvor von der Universität Tübingen in die Stadt an der Newa gekommen war: Joseph Gottlieb Kölreuter.
Warum war diese Frage wichtig?
Um 1700 hatte Camerarius in Tübingen gezeigt, dass sich ohne die Gegenwart von Staubgefäßen kein Same bilden kann. Ob der Pollen jedoch die Eigenschaften der Vaterpflanze auf die nächste Generation überträgt, blieb unklar – manche nahmen an, daß der Pollen nur als eine Art nährender Einfluß wirke, andere glaubten gemäß der Lehre des Aristoteles, daß der Pollen zwar für die Vererbung zuständig sei, daß aber die Mutter nur als Gefäß diene, in dem die männlichen Erbanlagen heranwachsen. Dass beide an der Vererbung teilnahmen, glaubten nur wenige.
Was war die Idee von Kölreuters Versuch?
Kölreuter suchte sich zwei verwandte, aber klar unterscheidbare Arten und bestäubte diese kreuzweise. Die Idee war ebenso einfach wie elegant, denn es gab dabei drei Möglichkeiten:
- Wenn der Pollen nur ernährt, aber nicht vererbt, sollte der Bastard der Mutterart gleichen.
- Wenn nur der Pollen allein für die Vererbung verantwortlich ist, sollte der Bastard der Vaterart gleichen (wie damals von vielen behauptet wurde.)
- Wenn es eine echte Sexualität gibt, sollte der Bastard zwischen Vater und Mutter stehen.
Kölreuter kreuzte die beiden Tabakarten Nicotiana rustica und Nicotiana paniculata und gewann damit 1760 den Preis der Akademie.
Wer vererbt - Vater oder Mutter?
Kölreuter musste mit einigen Arten experimentieren, bis es ihm gelang, sogenannte interspezifische Hybride zu erzeugen. Mit wilden Tabak- und Nelkenarten war er jedoch erfolgreich. Die Hybride waren weder Kopien der Väter, noch der Mütter, sondern lagen klar zwischen den Eltern. Dieses Ergebnis bestätigte sich auch, wenn man Vater- und Mutterrolle austauschte (reziproke Kreuzung). Am besten war dies an den Blüten zu erkennen, da sich diese zwischen den beiden Elternarten am deutlichsten unterschieden.
Kölreuter fasste seine Ergebnisse so zusammen:
„Ich wurde mit vielem Vergnügen gewahr, daß sie [die Bastarde] … gerade das Mittel zwischen beiden natürlichen Gattungen [Arten] hielten,... daß auch bei ihnen insbesondere alle zur Blume gehörigen Teile… eine fast geometrische Proportion zeigten, ein Umstand, der durch die alte aristotelische Lehre von der Erzeugung durch beiderlei Samen vollkommen gerechtfertigt, und hingegen der Lehre von den Samentierchen, oder den in dem Eierstocke der Tiere und Pflanzen ursprünglich durch den männlichen Samen zu belebenden Embryonen und Keimen gänzlich widerspricht."