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Juli: Mauerpfeffer (Sedum acre)

Mauerpfeffer
„Wo seine Narbe birst und die Steine, die Knochen der Erde, herausstehen, blühen mit angespannter Kraft die goldenen Rasen des Mauerpfeffers." Bukolisches Tagebuch 15. Juli 1928

Ein Meeresdeich im Hochsommer, trockener, von der Sonne erhitzter Stein – das Gras liegt verwelkt, die „Knochen der Erde“ liegen bloß, offensichtlich kein Ort, an dem Leben gedeihen kann. Und doch blüht gerade hier um diese Zeit der Mauerpfeffer in einem goldenen Rasen, kraftvoll, wie ein Triumph des Lebens über den Tod. Wie kann eine so kleine Pflanze unter solch widrigen Bedingungen überleben und sogar blühen?

 

Das Geheimnis des Mauerpfeffers ist eine trickreiche Abwandlung der Photosynthese: Um an das notwendige Kohlendioxid zu gelangen, müssen die Pflanzen winzige Poren auf ihren Blättern öffnen. Durch diese sogenannten Spaltöffnungen verlieren sie gleichzeitig viel Wasser, das einfach in der Hitze verdunstet. Die Spaltöffnungen werden durch zwei bohnenförmige Schließzellen begrenzt, die sich beim Austrocknen aneinander schmiegen, so dass kein Wasser verlorengeht. Nun kann aber kein Kohlendioxid mehr aufgenommen werden und die Photosynthese wird lahmgelegt. Die Pflanze hat also die Wahl zwischen Pest und Cholera: entweder verdursten oder verhungern. Der Mauerpfeffer hat einen Weg aus diesem Dilemma gefunden: er hält seine Spaltöffnungen tagsüber geschlossen und kann so Wasser sparen, sogar so sehr, dass seine Blätter prall aufgeblasen wirken (sogenannte Blattsukkulenz). In der Nacht, wenn es kühler wird, öffnet er die Spaltöffnungen wieder und nimmt Kohlendioxid auf. Dies wird in Form von Apfelsäure (Malat) im Blattinneren gespeichert und dann am folgenden Tag, wenn die Photosynthese wieder anläuft, allmählich freigesetzt, so dass Zucker gebildet werden kann.

 

Natürlich muss sich eine Pflanze, die sich an einem sonst trockenen Ort mit wassergefüllten Blättern versieht, vor Fraßfeinden schützen. Daher bildet der Mauerpfeffer eine Reihe von Alkaloiden, die durch ihren scharfen Geschmack jedes Insekt schnell verscheuchen, das auf die Idee kommt, an den prallen Blättern zu knabbern. Dieser scharfe Geschmack erregte natürlich auch die Aufmerksamkeit der Menschen, die den Mauerpfeffer seit altersher als Heilpflanze nutzen. Schon Dioskurides beschrieb vor 2000 Jahren, wie man den ätzenden Saft des Mauerpfeffers zum Ausbrennen von Warzen einsetzen kann. Auch zum Austreiben von Würmern wurde er benutzt – wir vergessen oft, dass sauberes Wasser eine relativ junge Errungenschaft ist, bis nach dem zweiten Weltkrieg hatten auch hierzulande viele Menschen mit Wurmparasiten zu kämpfen. Das Sedamin war eines der ersten Alkaloide, was überhaupt aus einer Pflanze chemisch dargestellt werden konnte. Es wirkt auf das zentrale Nervensystem ein und soll beruhigend wirken, es gibt Präparate gegen Schlafstörungen, die diese Wirkung nutzen. Der lateinische Name sedum weist auf die „sedierende“ (setzende) Wirkung des Mauerpfeffers hin. Aufgrund zahlreicher Nebenwirkungen wie Verätzungen der Schleimhäute durch den scharfen Saft ist von heroischen Selbstversuchen jedoch dringlichst abzuraten!