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Saccharum officinarum - das Zuckerrohr

Saccharum officinarum
Das Zuckerrohr (Saccharum officinarum) nutzt die Sonnenenergie so gut, dass ein Grossteil der Energie in seiner Transportform (als Saccharose) im Sproß "unterwegs" ist.

Zucker – in der Natur weit verbreitet, aber nicht natürlich…

Süß ist nicht ohne Grund eine der vier Grundqualitäten unseres Geschmacksinns – Zucker ist letztendlich die ultimative Energiequelle für unseren Körper. In der für uns gewohnten konzentrierten Reinform kommt er in der Natur freilich gar nicht vor – ein Grund für die vielen Gesundheitsprobleme, mit denen sich die Menschen in den Industriestaaten herumschlagen müssen. Selbst in reifen Früchten kommt man gerade mal auf 15 % Zuckergehalt. Süßer geht es nur mit Honig – bis ins Mittelalter hinein war Honig der einzige „Süßstoff“ und einer der wenigen Möglichkeiten, Lebensmittel aufzubewahren – in Honig eingelegt sind sie vor der Zersetzung durch Mikroorganismen geschützt (durch den hohen Zuckergehalt wird den Zellen Wasser entzogen, so dass sie nicht zum Zuge kommen).

Zuckerrohr schreibt Geschichte

Das Zuckerrohr zählt zu den Süßgräsern (so wie unsere Getreide oder der Bambus) und stammt ursprünglich vermutlich aus Papua-Neuguinea. Der Anbau des süß schmeckenden Zuckerrohrs begann vermutlich um etwa 500 v. Chr. in Südostasien. Über chinesische Seefahrer gelangten die robusten und regenerationsfreudigen Stängel nach Indien und von dort im Gefolge der Eroberungszüge von Alexander dem Großen in den Mittelmeerraum. Bald entdeckte man, dass man den Zuckersaft zu einem kristallisierten, weißbraunen Pulver eintrocknen konnte, dass sich natürlich viel leichter transportieren und handeln ließ als das Zuckerrohr selbst. Der Siegeszug des Islam brachte das Zuckerrohr bis nach Spanien, die Europäer entdeckten das „Weiße Gold“ als sie durch die Kreuzzüge mit der arabischen Welt in Kontakt kamen. Durch die Pestepidemien des ausgehenden Mittelalters brach die Zuckerproduktion im Mittelmeerraum zusammen, der Preis für das ohnehin nur für Wenige erschwingliche „Weiße Gold“ stieg ins Unermessliche. Die Wende kam mit der Entdeckung Amerikas – das subtropische, aber feuchte Klima der Karibik bot hervorragende Bedingungen für den Anbau von Zuckerrohr. Nachdem die einheimische Bevölkerung durch eingeschleppte Krankheiten, Ausbeutung und Genozid ausgerottet war, begann man, afrikanische Sklaven für die Arbeit in den Zuckerrohrplantagen einzuführen. Der Zuckerhandel gilt inzwischen als einer der Hauptbeweggründe für die Sklaverei in der Neuen Welt. Die Wende kam Mitte des 18. Jahrhunderts, als man in Deutschland aus der Runkelrübe durch Züchtung die Zuckerrübe entwickelte und so eine billige Alternative zum Rohrzucker schuf. Die Zuckerbarone der Karibik verloren Macht und Einfluß, die Spanier und Portugiesen ihre Kolonien. Nach dem zweiten Weltkrieg schottete Europa durch Zölle den heimischen Rübenzucker immer mehr gegen den importierten Rohrzucker ab. Daraufhin gingen die Zuckerpreise immer mehr zurück, ganze Landstriche, die sich komplett auf die Erzeugung von Rohrzucker spezialisiert hatten, verarmten. Die Wende kam in den 80er Jahren, als infolge der Ölkrise die Energiepreise explodierten. Vor allem in Brasilien erkannte man die Chance, die sich aus dem nachwachsenden Rohstoff Zucker ergab und wandelte die stillgelegten Zuckerfabriken für die Produktion von Bioethanol um. In Brasilien werden inzwischen die Hälfte des Verkehrs auf Zuckerbasis betrieben. Die Diskussion, ob der Einsatz von landwirtschaftlicher Nutzfläche für die Energieerzeugung sinnvoll ist, dauert an und wird durchaus kontrovers geführt.

Warum ist das Zuckerrohr eigentlich süß?

Es gibt gute Gründe, warum Pflanzen in der Regel nur geringe Mengen von Zucker anhäufen. Wenn sie die überschüssige Energie aus der Photosynthese speichern, zum Beispiel in der Knolle der Kartoffel, bauen sie normalerweise die Zuckermoleküle zu einer langen Kette zusammen – es entsteht Stärke. Freier Zucker zieht nämlich über einen Osmose genannten Vorgang Wasser an. Eine Knolle, die freien Zucker speichert, würde also unweigerlich anschwellen und sich mit Wasser förmlich vollsaugen. Stärke ist nicht wasserlöslich und daher osmotisch nicht aktiv. Sobald also der Zucker von den Blättern her kommend an seinem Ziel angekommen ist, wird er als Stärke gespeichert. Das Zuckerrohr wächst jedoch so schnell, dass ein ziemlicher Anteil der photosynthetisch gebildeten Assimilate in Form von Zucker im Stängel in Richtung Wurzel „unterwegs“ ist. Grund dafür ist nicht nur die intensive Tropensonne, sondern ein spezieller Photosynthesetrick: die sogenannte C4-Photosynthese ist besonders effizient, weil durch einen Stoffwechseltrick verhindert wird, dass ein Teil der gebildeten Zucker (wie bei den anderen, den sogenannten C3-Pflanzen) durch Atmung verbraucht wird.