Karlsruhe ist in der glücklichen Lage, über zwei Botanische Gärten zu verfügen und daher müssen sich diese Gärten in ihren Funktionen gegenseitig ergänzen und unterstützen. Während der Schlossgarten vor allem der Erholung und dem ästhetischen Vergnügen der Bevölkerung dient, konzentriert sich der Botanische Garten des KIT auf seine Kernaufgaben, nämlich Forschung und Lehre. Dazu tritt als weitere Kernaufgabe die Erhaltung von bedrohten Pflanzenarten. Trotz schwierigster Rahmenbedingungen wie drastischen Stellenkürzungen, sanierungssbedürftigen Gewächshäusern und fehlenden Mitteln zur Sanierung wird der Garten jedoch auch künftig den Dialog mit der Öffentlichkeit suchen.
Der Botanische Garten in der Forschung:
Die Pflanzen, mit denen an den Botanischen Instituten gearbeitet wird, werden in den Versuchsgewächshäusern des Botanischen Gartens herangezogen und vermehrt. Im Zentrum stehen dabei sogenannte Modellpflanzen: die Ackerschmalwand (Arabidopsis thaliana), der Reis (Oryza sativa), aber auch Tabak (Nicotiana tabacum) und die Weinrebe (Vitis vinifera). An diesen Modellpflanzen versucht man, die molekularen Grundlagen von Entwicklung, Wachstum und Stoffwechsel zu verstehen. Dies erfordert große gärtnerische Sorgfalt, denn eine Verwechslung oder unabsichtliche Vermischung würde viele Jahre Forschungsarbeit zunichte machen. Die Arbeit mit diesen Modellpflanzen wird jedoch zunehmend durch evolutionsbiologische Ansätze ergänzt, wo man ein Spektrum verwandter Arten miteinander vergleicht und versucht, aus diesem Vergleich die Entstehung und die biologische Bedeutung von bestimmten Merkmalen zu verstehen.
Der Botanische Garten in der Lehre:
Der Garten liefert nicht nur das Pflanzenmaterial für die Praktika, sondern wird auch für Exkursionen und den Vergleich von Pflanzenformen genutzt. Zunehmend werden auch einzelne biologische Themen in Dauerversuchen im Garten demonstriert, beispielsweise der berühmte Versuch, mit dem der Karlsruher Botaniker Kölreuter die pflanzliche Sexualität bewies oder ein Versuch, mit dem man die genetischen Schalter der Blütenbildung demonstriert hat. Ein besonders wichtiges Thema sind heimische und tropische Nutzpflanzen, die nicht nur für die Ausbildung in der Biologie genutzt werden, sondern auch für die Ausbildung in der Lebensmittelchemie eine große Rolle spielen. Seit Herbst 2009 wird der Garten auch für Exkursionen im Bereich tropische Nutzpflanzen für die Studierenden der Pädagogischen Hochschule eingesetzt.
Der Botanische Garten im Artenschutz:
Der Botanische Garten des KIT engagiert sich schon seit vielen Jahren für den Artenschutz. Für sehr bedrohte Arten wie die Europäische Wildrebe oder den Wilden Sellerie, die in freier Wildbahn nur noch an wenigen, manchmal nur noch an einem Standort vorkommen, wird der Garten als eine Art "Arche Noah" genutzt - die letzten Vertreter dieser Arten werden hier hochgepäppelt, vermehrt und dann wieder an geeigneten Standorten ausgebracht. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit dem Regierungspräsidium. In zwei vom Bund geförderten Projekten wird zum einen die fast ausgestorbene Europäische Wildrebe vermehrt und zum anderen an einer Genbank für wilde Verwandte von Nutzpflanzen mitgearbeitet. Die Erhaltungskulturen des Botanischen Gartens haben inzwischen bundesweit Beachtung gefunden und haben auch dazu geführt, dass der Garten zum ersten Mal in seiner Geschichte eigene "Drittmittel" einwerben konnte.
Der Botanische Garten und die Öffentlichkeit:
Aufgrund der angespannten Personallage war es nicht mehr möglich, den Garten am Wochenende für Besucher geöffnet zu halten. Durch die über die erfolgreichen Artenschutzprogramme eingeworbenen Mittel hat sich die Lage wieder etwas entspannt, so dass wir ab März 2009 nicht nur während der Woche, sondern auch wieder jeden Sonntag öffnen können. Im Konzept des Gartens spielen jedoch Führungen die Hauptrolle, weil dadurch das Angebot und die hier in Karlsruhe bearbeiteten Themen für die interessierte Öffentlichkeit noch besser erschlossen werden können. Vor allem nutzen wir diese Führungen auch dazu, die moderne Forschung für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die stürmische Entwicklung der modernen Biologie ging nämlich zu einem großen Teil über die Köpfe der Bevölkerung hinweg. Selbst interessierte Laien haben es oft schwer, zu verstehen, was in den Labors und Instituten eigentlich gemacht wird. Wissenschaft und Öffentlichkeit driften immer weiter auseinander, und dies ist eine gefährliche Entwicklung. Wenn jemand etwas nicht versteht, lehnt er es in der Regel ab - und das kann ein Land, das außer Bildung und Erfindergeist nur wenig andere natürliche Rohstoffe vorweisen kann, sich eigentlich nicht leisten.
Zu den vielfältigen Funktionen, die botanische Gärten während ihrer Geschichte mehr oder weniger gut ausgefüllt haben, tritt nun eine neue hinzu: Botanische Gärten als Orte, wo Forschung und Öffentlichkeit miteinander in Dialog treten können.