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Juni: Wildes Stiefmütterchen (Viola tricolor)

Stiefmütterchen
„Das wilde Stiefmütterchen sperrt seinen dreifach gezähnten Fruchtmund auf und verstreut seinen ameisenblanken Samen.“ Bukolisches Tagebuch, 18. Juni 1928

Wenn die Veilchen als Boten des zeitigen Frühjahrs verblühen, folgt ihnen das Stiefmütterchen nach. Die nahe Verwandtschaft der beiden Pflanzen erschließt sich auf den ersten Blick. Ganz gleich, ob auf sandigen Dünen oder auf felsigem Alpengipfel – diese zarte und fast zerbrechlich wirkende Pflanze ist unverwüstlich und kommt daher in ganz Europa vor, in Deutschland sogar in mehreren Unterarten. Unser allgegenwärtiges Kultur-Stiefmütterchen ist aus einer Kreuzung mit dem aus Sibirien stammenden Altai-Stiefmütterchen entstanden und hat nicht nur die dreifarbigen Blüten (tri-color), sondern auch die Widerstandsfähigkeit der Elternart geerbt. Die zarten Linien, die auf den Blütenkelch zu laufen, sind in der Tat Wegweiser, sogenannte Saftmale, die bestäubenden Insekten zeigen, wo es lang geht. Im für das menschliche Auge unsichtbaren ultravioletten Licht wirken sie geradezu aufdringlich. Das müssen sie auch sein; denn das Stiefmütterchen ist vollkommen selbststeril. Dieser botanische Begriff drückt aus, dass der Pollen unbedingt von einer anderen Pflanze stammen muss, um auf der weiblichen Narbe auskeimen zu können.

 

Im Juni haben sich die erfolgreich befruchteten Anlagen schon zu reifen Samen entwickelt, die darauf warten, sich in die Welt zu verbreiten. Da sie weder über Flügelchen oder Schirmchen verfügen, die bei anderen Pflanzen den Wind für die Zwecke der Pflanze einzuspannen vermögen, muss hier wohl ein anderer Weg greifen. In der Tat sitzt an den birnenförmigen Samen eine helle Knospe, das Ölkörperchen oder Elaiosom, was die aus der getrockneten Kapsel gefallenen Samen sehr auffällig macht. Das Elaiosom übt auf Ameisen eine schier unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Die Ameisen schleppen mit viel Mühe diesen Leckerbissen mit sich, bis sie irgendwann unterwegs, von Hunger und Erschöpfung überwältigt, das Elaiosom „vernaschen“ und damit den Samen weit entfernt von seinem Ursprung zurücklassen. Lehmann hat diese erstaunliche Geschichte in seiner Wortschöpfung vom „ameisenblanken Samen“ sehr treffend eingefangen.

 

Der seltsame Name dieser Pflanze hat zu allerlei Deutungen Anlass gegeben: So soll die große Unterlippe die Stiefmutter darstellen, deren leibliche Töchter zu beiden Seiten sitzen. Die beiden oberen Blätter sind kleiner und müssen sich ein Kelchblatt teilen und sind daher die Stieftöchter. Bei Shakespeare wird aus dem Stiefmütterchen ein Liebestrank gebraut, was aber vermutlich eher mit seinem englischen Namen „love-in-idleness“ zu tun hat als mit einer echten Wirkung. Eine medizinische Wirkung gibt es jedoch durchaus, vor allem gegenüber entzündlichen Hauterkrankungen, wie schon bei Hildegard von Bingen geschildert wird. Erst vor vier Jahren jedoch gelang es am Universitätsklinikum Freiburg, diese Wirkung zu ergründen: ringförmige Peptide, sogenannte Cyclotide, können bestimmte Immunzellen daran hindern, entzündliche Interferone auszuschütten, so dass die entzündete Haut zur Ruhe kommen kann.