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August: Das Schmalblättrige Weidenröschen (Epilobium angustifolium)

Lehmann_August_Weidenroeschen
„Die zur See sich senkenden Lehmhänge überpurpurt die Flut des großblühenden Weidenröschens.“ Bukolisches Tagebuch, 04 August 1930

Auch wenn die Hitze etwas anderes vorgaukelt: die Tage werden kürzer, der Sommer hat seinen Zenit schon überschritten, und die meisten Pflanzen haben schon längst Samen und Früchte gebildet. Für die Schmetterlinge und Bienen ist es nicht einfach, sich noch mit Nahrung zu versorgen. Doch genau in dieser Zeit entfaltet das Weidenröschen seine purpurne Pracht. Und dort, wo ein Weidenröschen vorkommt, ist das nächste nicht weit – über unterirdische Ausläufer, an denen Brutknospen, sogenannte Turionen, entstehen, besiedeln sie sonnige Waldhänge von Kanada bis Sibirien. Im dunklen Nadelwald hat das Weidenröschen keine Überlebenschance, aber sobald die Laubdecke unterbrochen wird, sei es am steilen Ufer eines Flusses, an einem kahlgeschlagenen Berghang oder eben wie hier an einem Lehmabbruch oberhalb des Strands, prescht es vor und nimmt rasch Besitz von der sich öffnenden Lücke. Auch nach Waldbränden oder auf Schutthalden siedelt sich diese Pflanze gerne an, weswegen sie im Volksmund auch „Feuerkraut“ oder „Trümmerblume“ genannt wird. Die Turionen können oft jahrelang überdauern, um auf eine solche Gelegenheit zu warten. 

 

Von den zahlreichen Arten, die überall auf der Nordhalbkugeln siedeln, sind das Kleinblütige und das Schmalblättrige Weidenröschen bei uns am verbreitetsten. Präzise wie immer verleiht Lehmann den hier geschilderten Pflanzen die Eigenschaft „großblütig“, womit klar ist, dass das Schmalblättrige Weidenröschen gemeint sein muss. Der Name dieser Gattung bezieht sich auf die Blätter, die wie bei den Weiden schlank und spitz zulaufend sind. Der lateinische Name epi-lobium, „Ober-Lappen“ drückt aus, dass die Blütenblätter oberhalb des Fruchtknotens ansetzen. Wenige Wochen später, wenn die Blütenblätter verwelkt sind, bilden die Früchte Flughaare aus, die mit ihren silbernen Locken dem Altweibersommer der nördlichen Nadelwälder sein Gepräge geben.

 

Schon im „New Kreüterbuchdes Leonhart Fuchs (1543) wird das Weidenröschen zur Behandlung von Fraunleiden und zum Blutstillen empfohlen. Hartnäckig hielt sich auch der Glaube, dass das Weidenröschen gegen Prostataleiden helfe. Tatsächlich konnte in neuester Zeit bestätigt werden, dass die im Weidenröschen hohen Gehalte der Flavonoide Quercetin, Myricetin und Kaempherol dazu führen, dass weniger Prostaglandine gebildet werden, so dass die Symptome einer Prostatavergrößerung gemildert werden. Diese Flavonoide entstehen übrigens als Vorstufe für die rot gefärbten Anthocyane, die dafür verantwortlich sind, dass das Weidenröschen die Lehmhänge „überpurpurt“. Diese prächtige Pflanze verdient daher mit Fug und Recht auch ihren Beinamen „Pflanze für den Mann“.